Die Anreise wirkt wie Schnee von gestern, als sich am Morgen unseres fünften Tags in der Mongolei die Türen der Jurten öffnen. Unsere Reisegruppe aus steppenstrolch-Mitarbeitern und Freunden ist gestern noch heile aus dem Schneesturm im südlichen Altai-Gebirge entkommen und erwacht nun in mitten einer atemberaubenden Landschaft des Gobi B Nationalparks im Südwesten der Mongolei. Entlang des gesamten Horizonts zieht sich eine schneebedeckte dunkelblaue Bergkette. Die Sonne strahlt hell auf das von Büschen durchstochene Schneefeld, welches sich vor uns in alle Richtungen gen Horizont bis an den Fuß der Berge zu ziehen scheint.
Wir sind bei unserem Etappenziel angekommen, denn hier in Great Gobi B Biosphere ist die International Takhi Group (ITG) zuhause. Die Nichtregierungsorganisation kümmert sich seit Jahrzehnten um den Schutz des Nationalparks und primär die Wiederaussiedlung und Bewahrung der Przewalski-Pferde. Diese Region ist unter besonderen Schutz gestellt, um den Lebensraum von Tieren und Menschen vor Umweltzerstörung beispielsweise durch Bergbau zu schützen. Neben der Kernzone, in der nur wenige Menschen Zutritt erlangen, gibt es noch eine zweite und dritte Zone, die auf nachhaltiges Zusammenleben von Tieren und Menschen und eine wirtschaftliche Produktion im Einklang mit den natürlichen Ressourcen ausgelegt ist. Gerade deshalb verschlägt es uns in diese Region, denn seit 2024 sind wir mit den deutschen und Schweizer Partnern der ITG im Kontakt, um Kamelwolle aus dieser abgelegenen Region für unsere Wollproduktion abzunehmen.
Beim Frühstück begrüßen uns Togi, der Ranger, der uns gestern im Schneechaos entgegenkam, in der Forschungsstation und zentralen Stelle des Nationalparks. Unsere Gruppe bekommt eine Einführung in die Geschichte der Takhi-Group und die Hintergründe für die Wiederansiedlung der Przewalski-Pferde. In den 1980er Jahren war de Bestand der Wildpferde nahezu ausgerottet. In Zusammenarbeit mit europäischen Zoos wurden 1992 fünf Takhi Pferde im Nationalpark angesiedelt, beobachtet und geschützt. Heute ist die Herde der mongolischen Wildpferde auf 300 angestiegen, während Ranger weiterhin ihr Verhalten beobachten, neue Tiere aussetzen und vor Wilderei schützen.


Wir satteln wieder auf und besteigen statt Wildpferden die beiden Kastenwägen, die uns schon 2.000 km quer durch die Mongolei getragen haben. Während Lotta und ich mit Jerome zu einer nahgelegenen Nomadenfamilie aufbrechen, sucht der Rest unserer Reisegruppe die Wildpferde in freier Wildbahn. Nomadenfamilien ist es erlaubt in den äußeren Zonen des Nationalparks ihre Tiere grasen zu lassen und Jurten aufzuschlagen. Die Familie, die wir besuchen lebt 30 Kilometer vom Forschungszentrum entfernt und macht in diesem Moment kein Auge zu. Denn die ersten Märzwochen markieren meist jene Zeit, in der Ziegen und Schafe ihre Babys bekommen. Bei den eisigen Temperaturen ist das auch immer ein Spiel auf Zeit. Denn die schwangeren Ziegen oder Schafe können rund um die Uhr mit der Geburt beginnen und bei einer Herde von über 300 Tieren darf kein Neugeborenes da untergehen, oder vergessen werden. Die Jungtiere werden von ihren Müttern meist nach der Geburt abgeleckt und mit Milch versorgt. Doch sind sie oft zu schwach, um eigenständig mit der Herde mitzulaufen und Abends wieder schnell genug in den Schutz der Jurte zurückzukehren. Auch kommt es manchmal vor, dass Ziegenbabys von ihren Müttern nicht direkt aufgenommen und mit Milch versorgt werden.


Deshalb muss ein Familienmitglied immer ein waches Auge auf die Herde haben und Neugeborene einsammeln, sobald diese das Licht der Schneewüste erblickt haben. Wir beobachten, wie der ältere Sohn der Nomadenfamilie gen Mittag am Horizont auf einem Motorrad auftaucht, mit einem Sack über der Schulter und zu den Jurten der Familie zurückkommt. Die Herde ist am Morgen aus dem Windschatten des kleinen Hügels, indem die Jurten errichtet wurden, losgelaufen um zu grasen und die nächste Wasserstelle aufzusuchen. Von der Herde kommt der Sohn nun auch und, angekommen an der Familienjurte, zieht er drei kleine frisch geborene Ziegenbabys aus seinem Sack. Die Jungtiere schreien schrill und halten sich gerade so, wacklig und zitternd über dem sandigen Boden. Im Innern der Jurte werden sie etwas aufgewärmt, bevor sie zu den anderen Babyziegen draußen in einem aus Steinen gebauten Bereich auf ihre Mütter warten. Zwischen Jurten, Ziegenbabys, und den Motorrädern laufen die Kleinkinder der Familie umher. Es herrscht ein Kindertrubel und Ziegenblöcke, dass sich schwer in Worte fassen lässt.
Auch an Folgetag geht es raus zu Nomadenfamilien, die wir für unsere Dokumentation interviewen. Das Kamerateam besucht einen direkten Nachbarn des Forschungszentrums, der uns seine Kamelherde zeigen möchte. Der Winter hat seine Herde jedoch ziemlich zugesetzt. Die extreme Kälte, ungewöhnlich hoher Schneefall, oder Angriffe durch Wölfe sind die Gefahren, die seine Tiere hier am ehesten ausgesetzt sind. Tagtäglich fahren die Nomaden daher raus in die Steppe, mit einem Auge immer die Herde im Blick, meistens durch ein Fernglas oder Fernrohr. Der geschärfte Blick erkennt die eigene Herde schon, wenn die Tiere nur als schwarze kleine Punkte am Horizont auftauchen. Der Nomade stellt sich als Erdenetsogt vor und brettert in seinem Jeep voraus. Wir versuchen den Abstand in unserem UAZ Kastenwagen nicht zu verlieren, geraten aber aufgrund des Gewichts öfters in Schneeböen und bleiben fast stecken. Erdenetsogt steht einige Meter entfernt und steigt plötzlich aus, am Horizont hat er kleine Punkte erkannt, die seine Kamelherde seien könnten. Er zieht das Fernglas, schaut gen Horizont und alle warten gespannt. Dann die Enttäuschung, es sind nicht seine Kamel, sondern die eines Nachbarn. Die Fahrt geht weiter, bis wir nach einer weiteren halben Stunde eine Herde entdecken, die mit drei Jungtieren gefrorene Gräser und Schnee isst. Die Tiere sind scheu, lassen sich nur auf Abstand fotografieren und selbst Erdenetsogt bleibt auf Distanz zu seiner Herde.
Wie die Lebensbedingungen bei extremen Minusgraden sind, erklärt der Yakhirte Tomro in dieser Kurzdoku.
Zudem steht eine Einladung beim Vorsitzenden der Kamelhirten-Kooperative an, von denen wir Wolle zur Produktion unserer Babykleidung beziehen. Die Ansage ist: "Wir fahren kurz zur nächsten Jurte, nicht weit entfernt, besuchen ihn zum Mittag und danach geht es wieder zurück". Aus der kurzen Route wird ein ganzer Tagestrip von der Forschungsstation mehrere Kilometer durch die gefrorene Schneedecke. Für alle, die den Atlas aus dem Regal gekramt haben, reisen wir südwestlich von Bij Altay einmal quer durch die Steppe, südöstlich von Hayirhan, einige hundert Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Die Autos bleiben wiederholt stecken und wir bewegen uns langsamer fort, als gedacht. Als die Jurte des Vorsitzenden der Kamelhirten-Kooperative hinter einem kleinen Berg auftaucht, sind drei Stunden Autofahrt vergangen. Zum Ausgleich werden wir von Njamajav und seiner Familie zu einem großen Essen im Warmen eingeladen. Es ist der letzte ganze Tag in dieser abgelegenen Region, umringt von Ziegenbabys und bei wolkenlosem Himmel wirkt alles ganz weit entfernt vom Treiben der Hauptstadt.
Doch die Hauptstadt und ihr Wirtschaftsmotor, die Wollindustrie, bestimmen auch hier am Rand der Mongolei das Alltagslebend er Nomaden. Der Nomade berichtet uns, wie jedes Jahr im Frühsommer die Preise für Kaschmir und Kamelwolle festgesetzt werden. Hier im Südwesten ist es jedoch besonders kalt und die Tiere werden erst im Juni geschoren oder gekämmt. Weil die Schurr der Wolle relativ spät erfolgt und die Transportwege nach Ulaanbaatar weit und weniger ausgebaut sind, ist das Nomadenkollektiv in einer schwierigeren Verhandlungslage gegenüber den Produzenten in der Hauptstadt. Auch müssen die Nomaden oftmals einen Kredit bei einer der Banken in der Hauptstadt im Herbst aufnehmen, um sich und ihre Tiere über den Winter zu versorgen. Die Einnahmen und zuverlässige Wollpreise sind daher ein wichtiger Faktor für die Nomadenfamilien. Die Kooperative, von der Njamajav den Vorsitz übernimmt, bietet Nomaden daher die Möglichkeit als Gemeinschaft einen höheren Wollpreis zu verhandeln und gegenüber Produzenten oder Wolleinkäufern sichere Abnahmemengen vor der Schur festzulegen.
Ein Tag im Gobi-B Reservat: Wir besuchen Njamajav und seine Familie
Mit dem Besuch bei Njamajav endet unser letzter Tag im Biosphärenreservat. Eine kurze Nacht (die von Vodka und Karnevalsliedern bestimmt ist) später, sitzt unsere Reisegruppe wieder in den zwei Autos mit dem Etappenziel Khovt. Wir tauschen den schneebedeckten Nationalpark mit seinen auf Kilometer verteilten einzelnen Jurten, Wildpferden und scheuen Kamelherden gegen eine asphaltierte Route entlang der südlichen Altai-Ausläufer. Eine wunderschöne Route schlängelt sich durch die Gesteinsschluchten, aus denen sich ganz im Westen der Mongolei das Altaigebirge emporstemmt. Am Ende der Tagesfahrt kommen wir im Regionszentrum Khovt an, tauschen Jurten gegen eine Hotel-Unterkunft und Stecken-bleiben gegen städtischen Stau. Mir kommt die Aussage von Njamavat in den Kopf, der in Mitten von Schnee und Kamelen sagt, dass ihm das Leben als Nomade 100-Mal lieber ist, als das in der Stadt. Denn trotz extremer Kälte und dem Leben am Rand von Infrastruktur und Zivilisation in einem geschützten Nationalpark, muss er sich keine Sorgen um den Berufsverkehr oder Stau auf der Hauptstraße machen.







